ku’damm-pogrom

„Brot, Hunger“ riefen die jungen Männer zuerst, die sich an einem Samstagabend, es war der 12. September 1931, der jüdische Neujahrstag – in kleinen Gruppen auf dem Kurfürstendamm rund um die Gedächtniskirche versammelten. 500 bis 1000 Männer aus 18 Berliner SA-Stürmen waren gekommen.

In einem offenen Opel, auf dem Kurfürstendamm hin- und herfahrend, saß Wolf-Heinrich Graf Helldorff, Führer der SA Berlin-Brandenburg, mit seinem Adjutanten Karl Ernst, vermutlich um den Gruppen Anweisungen zu erteilen. Gegen 20.00 Uhr schlossen sich die Männer zusammen, riefen in Sprechchören „Heil Hitler“, „Deutschland erwache“ und „Juda Verrecke“ und überfielen die Passanten auf dem Kurfürstendamm. Sie prügelten brutal auf die Menschen ein, die sie für Jüdinnen und Juden hielten.

Etwa 30 Männer stürmten das Café Reimann, warfen Marmortische in die Fensterscheiben, griffen Gäste an und gaben zwei Schüsse ab. In den meisten Fällen erlitten die Angegriffenen (Juden und Nicht- Juden) Kopfverletzungen. Um 21.15 trafen kasernierte Polizeieinheiten ein. Sie bildeten über die halbe Straßenbreite Sperren, trieben die Gruppen auseinander und verhafteten 60 Personen.

Der Prozess fand sechs Tage später am 18. September 1931 vor dem Schnellschöffengericht (Charlottenburg) gegen 34 junge Männer, fast alle um die 20 Jahre alt, statt: Studenten, Bäckergesellen, Lehrlinge, Angestellte, ein Kutscher, ein Schlachter, ein Diplomingenieur, ein Schmied und ein Arbeiter. Graf Helldorf und sein Stabsführer Ernst wurden unter dem Verdacht verhaftet, Rädelsführer der Krawalle gewesen zu sein und sie gelenkt zu haben. Am 23. September wurde das Urteil verkündet: sechs Angeklagte wurden mangels Beweisen freigesprochen, die übrigen zu Gefängnisstrafen von neun Monaten bis zu 1 ¾ Jahren verurteilt. Das Ereignis fand zudem großen Widerhall in der Presse von links bis rechts.

Das Kurfürstendamm-Pogrom ist in seiner Mischung von Entgrenzung und Eindämmung typisch für die antisemitische Gewalt der SA in der Weimarer Republik. Der demonstrative Effekt dieser und weiterer Ausschreitungen war die Beherrschung der Straße: Juden sollten aus dem öffentlichen Stadtbild verschwinden – was dann ab 1933 auch mit tödlicher Konsequenz geschah.

Bildquelle: Wolf-Heinrich Graf Helldorff, Wikimedia Commons, Creative Commons, hier abrufbar.